Kunst für alle

Kunst für alle

Mit zwei Worten ist die Geschäftsidee von Simone Roggen und Hans Christian Goertz beschrieben: Picture this! Ob originalgetreue oder neu interpretierte „alte Meister“ oder moderne Gemälde im Stil des Fotorealismus, die beiden Galeristen bieten handgemalte Unikate zu bezahlbaren Preisen. In Zeiten der Globalisierung ist Picture this! eine moderne Variante klassischer Auftragsmalerei.

Es begann auf einer Urlaubsreise in Asien, und es begann eher zufällig. Begeistert von der Perfektion und dem Realismus der handgemalten Ölgemälde, kauften Simone Roggen und Hans Christian Goertz im Künstlerviertel von Shanghai spontan zwei Bilder. „Auch bei unseren Bekannten kamen die Motive gut an“, erinnert sich die Galeristin. Bei der nächsten Chinareise waren ein paar Aufträge im Gepäck, „Freunde hatten uns gebeten, Bilder in Shanghai nachmalen zu lassen.“ Während des zweiten Aufenthaltes nahm aber auch die Geschäftsidee der beiden allmählich Gestalt an. Von den asiatischen Malfabriken, in denen Ungelernte meist für den amerikanischen Markt van Gogh, Monet oder Chagall in großen Mengen und zu Spottpreisen nachpinseln, distanzieren sich die beiden Existenzgründer. „Wir wollen zwar bezahlbare Kunst anbieten, aber auch Qualität“, sagt Goertz. Sie hätten sich in Ateliers umgeschaut, Gespräche mit Professoren chinesischer Kunstakademien geführt. Anderthalb Jahre lang hätten sie Kontakte zu chinesischen Künstlerkreisen und Absolventen von Kunstakademien aufgebaut, erzählt Roggen, „dann haben wir beschlossen, wir trauen uns“.

Das Neue an dem Konzept Picture this! ist der Fertigungsprozess, denn die einzelnen Herstellungsphasen sind voneinander getrennt: Fotografen und Grafiker erstellen in Deutschland die Motive, die dann von akademisch geschulten Künstlern in Asien, vor allem in China und Vietnam, gemalt werden. Diese Künstler haben die realistische Malerei noch als Handwerk bis ins Detail gelernt. Parallel zum Aufbau des Künstler-Netzwerkes in China kümmerten sie sich in Deutschland um die Finanzierung ihres Vorhabens. Neben der Existenzgründungsberatung bei der IHK Frankfurt und dem Businessplan-Check bei der KfW haben die Galeristen auch im privaten Umfeld mit Betriebswirten, Marketingexperten, Juristen, Unternehmens- und Steuerberatern ihre Pläne besprochen und um ehrliche Kritik gebeten. „Dadurch konnten noch wichtige Aspekte in den Businessplan eingearbeitet werden, die wir vorher gar nicht bedacht haben“, so Goertz.

Beliebt sind alte Meister und Porträts von Verwandten
Die Banken seien für das Kunstkonzept aufgeschlossen gewesen, „das Feedback war erstaunlich positiv“. Die Galeristen bekamen sogar mehrere Vergleichsangebote. „Vielleicht lag es auch daran, dass wir keine Unsummen an Startkapital benötigten“, vermutet Roggen. Die beiden machten schließlich ein kleines Ladenlokal am Weckmarkt im Schatten der Schirn und in Nachbarschaft zu anderen Galerien ausfindig, das ihnen geeignet schien. „Zentral gelegen, aber überschaubar sollten die Räumlichkeiten sein, denn wir wollten ein überschaubares Risiko eingehen.“ Am 18. November 2005 haben Roggen und Goertz ihre Galerie Picture this! eröffnet.

Das Geschäft läuft gut, eine Umsatzdelle gab es lediglich im Sommer während der Fußball-Weltmeisterschaft. „Mit dem Konzept haben wir eine Marktlücke geschlossen“, ist Goertz überzeugt. Picture this! besetze die Nische zwischen teuren, unerschwinglichen Originalen und billiger Massenware: „Ein Poster bleibt nun mal ein Poster, auch wenn der Rahmen teuer war.“ Gehobene, stilvolle Einrichtung lasse sich hingegen durch ein individuelles, handgemaltes Ölgemälde aufwerten, „für viele Kunden sind Bilder deshalb so etwas wie dekorative Wandmöbel“. Und dafür sind sie bereit, Geld auszugeben. Besonders nachgefragt sind alte Meister und Porträts von Ehepartnern oder Eltern.

„Ansonsten haben wir uns auf den Fotorealismus spezialisiert, mit diesen Bildern machen wir den größten Umsatz“, sagt Roggen. Ihre große Zeit erlebte diese Stilrichtung in den Sechziger- und Siebzigerjahren vor allem in den USA. Lange Zeit fast in Vergessenheit geraten, spielt der Realismus in der Kunst wieder eine größere Rolle. „Für einen Maler das Schwierigste überhaupt und eine große Herausforderung“, meint die Galeristin. Wer es als Künstler beherrsche, Straßenschluchten amerikanischer Großstädte oder die Frankfurter Skyline mit filigranem Pinselstrich und dünnen, fast transparenten Farbschichten zu malen, dass es auf den ersten Blick nicht wie ein Ölbild, sondern wie eine Fotografie wirke, „für den sind Rembrandt und Rubens überhaupt kein Problem“. Chinesen seien Meister im Kopieren. Anders als in deutschen Kunstakademien, wo Absolventen ihrer Kreativität unbedingt freien Lauf lassen möchten und künstlerische Freiheit für sich reklamieren, ist in chinesischen Akademien das Nachmalen alter Meister, das exakte Reproduzieren, fester Bestandteil des Lehrplans. „Die jungen Künstler erlernen ihr Handwerk von der Pike auf, wir haben beste Erfahrungen mit Absolventen der Kunstakademien“, sagt die Galeristin.

Galerie will mehr Firmenkunden gewinnen
Für Picture this! arbeiten derzeit 20 Künstler aus China und zwei aus Vietnam, die spezialisiert sind auf Porträts, Landschaften oder Stadtansichten. Der Künstlerpool soll nach und nach erweitert werden. Die Bilder kosten zwischen 200 und 1.000 Euro, selten bis zu 1.500 Euro. Die Formate variieren zwischen 30 mal 40 Zentimetern und 1,5 mal 2,5 Metern. Fast alles, was der Kunde wünscht, ist machbar. Manche kommen mit einer Vorlage in die Galerie. „Dann wird geschaut“, so Roggen, „ob das Bild perfekt ist oder digital nachbearbeitet werden muss.“ Andere haben mal im Museum ein Bild gesehen und möchten die Kopie des Bildes gerne im Wohnzimmer über dem Sofa platzieren. „In solchen Fällen recherchieren wir und besorgen die Vorlagen.“ Manche kommen mit vagen Vorstellungen in die Galerie, solche Kunden wollen Motivvorschläge.

Roggen berät die Kunden auch hinsichtlich der Bildbearbeitung. Oft sei es reizvoll, das Motiv oder die Farben zu verfremden, Ausschnitte oder Details zu wählen, bekannte Werke dadurch neu zu interpretieren. Bei allen Aufträgen sei darauf zu achten, dass die Kunstkopien das Copyright nicht verletzen. „Manchmal kann das Wunschmotiv trotzdem realisiert werden, indem es etwas verändert wird.“ Die reprofähigen Vorlagen werden nach China gemailt, sechs bis sieben Wochen dauert es, bis das Bild fertig ist. Während sich Simone Roggen als Kunsthistorikern hauptberuflich um die Galerie Picture this! kümmert, ist ihr Partner dort nur nebenberuflich tätig.

Hans Christian Goertz, Mitglied der Geschäftsleitung in einer Frankfurter Kommunikations-Agentur, verantwortet auch in der Galerie das Marketing. Bislang habe die Galerie wenig in klassische Werbung investiert, „das Geschäft funktioniert über Mundpropaganda“. Die Kunden seien fast ausschließlich Privatpersonen gewesen. Sein Ziel ist es aber, verstärkt Firmenkunden zu gewinnen. Er denkt beispielsweise an Werbeagenturen, Versicherungen, Anwaltskanzleien, Kliniken und Gaststätten, wo meist nur austauschbare Standard-Drucke zu finden sind: „Dabei sollten Unternehmen ein Interesse daran haben, Büros und Besprechungsräume repräsentativ und individuell zu gestalten.“„Das Konzept Picture this! ist in dieser Form einmalig in Deutschland“, sagt der Marketingexperte. Deshalb sieht er durchaus Wachstumspotenziale. Die beiden Galeristen haben schon über einen Umzug in größere Räume, mehr Messepräsenz, beispielsweise auf der Ambiente, neue Standorte in Hamburg, München und Stuttgart nachgedacht. „Zunächst wollen wir aber das erste Geschäftsjahr abwarten.“ Wenn sie noch einmal vor dem Schritt in die Selbstständigkeit stünden, resümiert die Galeristin, „dann würden wir mit mehr Geld, mehr Manpower, mehr Marketing durchstarten, um uns in kürzerer Zeit am Markt etablieren zu können.“

http://www.galerie-picturethis.de